Arbeitsloser Geisteswissenschaftler - nur Absagen. Was nun?

Wie geht es weiter nach Absagen? Was kann daraus gelernt werden? Lass andere an deinen Erfahrungen teilhaben. Berichte über gute und schlechte Erfahrungen bei der Stellensuche.
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ColinMacLaren
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Arbeitsloser Geisteswissenschaftler - nur Absagen. Was nun?

Beitrag von ColinMacLaren » 05.09.2012, 08:23

Ende April habe ich mein Studium beendet. Seitdem sitze ich auf Hartz 4 und mache mir so langsam Gedanken über meine Zukunft. Leider sieht mein CV nicht so prall aus. Bis Mitte 20 war ich der totale Looser und hatte fe dacto nichts fürs Studium gemacht, sondern saß zu Hause bei Mutti, war pleite und spielte lieber Onlinespiele. Irgendwann wachte ich auf und seit 25 stand ich finanziell auf eigenen Füßen. Daher habe ich die letzten zwei Jahre gut gekloppt und quasi den Großteil des Studiums durchgezogen (war bei jeder Prüfung aufgrund von Studienzeitüberschreitung im dritten Versuch) + nebenher ständig gearbeitet. Doch holen mich die Sünden meiner Jugend im CV natürlich wieder ein.

Facts:

- 28 Jahre, männlich
- Magister: Neuere und Neueste Geschichte/Alte Geschichte/Sozial- und Wirtschaftsgeographie.
- Note 1,6
- VWL-artiger Fokus in Magisterarbeit und Geographieexamen, aber nichts quantitatives
- Praktikum im Museum
- paar kleinere EDV-Tätigkeiten (Pflege eines Webshops)
- zwischen Ende 2008 und Herbst 2011 fuhr ich auf Montage als IT-Service-Techiker, seit März 2010 war ich Teamleiter

- das letzte halbe Jahr vor dem Abschluss HiWi in einem Graduiertenkolleg
- Englisch schriftlich sehr gut (keine Probleme Fachtexte zu verstehen oder englische Texte zu verfassen), mündlich im Prinzip auch, immer wenn ich wieder etwas reinkomme, wobei ich das mündlich nicht als "verhandlungssicher" bezeichnen würde.
- noch rund 4000 EUR über für Weiterbildungen u.ä.

Schwächen:

- keine Auslandserfahrung
- keine einschlägigen Praktika
- Langzeitstudent mit 17 Semestern
- nur Englisch und Latein. Russisch hatte ich vor 10 Jahren mal in der Schule, das könnte ich evt. wieder auffrischen.

Was habe ich seit Mai getan?

- 70 Bewerbungen geschrieben
- zwei Exposé für Doktorandenstellen gebastelt (einmal international und einmal national ausgerichtet)
- Weiterbildung "BWL für Geisteswissenschaftler", Zertifikat der Uni Augsburg, Note 1,3
- ehrenamtliche Tätigkeit für ein Institut, erhalte ich noch ein Emfpehlungsschreiben

Was mache ich im Moment?

- Vertiefungsmodule des BWL-Kurses: Kostenrechnung, Buchhaltung und Jahresabschluss, Unternehmensgründung
- Mathematische Grundlagen auffrischen (Mathematik der Oberstufe, Finanzmathematik ect.)

Geplant für die Zkunft:
- BWL-Module an der hiesigen Uni oder in Hagen belegen.
- IT-Zertifizierung LPIC (Linux, die Windows-Äquivalente sind zu teuer)
- evt. SAP-Kurs TERP10, wenn ich reinkomme

Ergebnisse der Bewerbungen:

- Einfachste Museumsvolontariate in der hinterletzten bayrischen Provinz, Vollzeit für 1200 EUR brutto: 300 Bewerber, ohne Doktor keine Chance
- Stellen für den gehobenen Dienst, ausgeschrieben für Abiturienten: 200 Bewerber, die meisten mit abgeschlossenem Master + x Praktika in genau dem Bereich.
- Volle TEV-L 9 Stellen im Museum o.ä.: vierstellige Bewerberzahlen (!)
- einfache Bürojobs oder Praktika: direkte unbegründete Absagen
- einfache IT- oder Vertriebsjobs: "Sie haben Geschichte studiert? Ganz furchtbar!"

Was tun?

Rhodus
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Beitrag von Rhodus » 05.09.2012, 10:11

Hallo ColinMacLaren,

nun im ersten Schritt die Frage beantworten:
Was möchtest du beruflich machen?

Und im zweiten Schritt deine Bewerbungspräsentation optimieren lassen. Denn wenn bei 70 Bewerbungen nichts bei herumspringt, ist es ein sicheres Zeichen, dass die Präsentation noch nicht wirklich gut ist - ein Problem, dass ich gerade bei Akademikern immer wieder feststelle, die zwar über etliche Kompetenzen verfügen, sich nur einfach nicht selbstvermarkten können.

Aber zunächst einmal geht es darum, was Du machen möchtest.

Viele Grüße aus Duisburg

schattenmann
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Beitrag von schattenmann » 05.09.2012, 12:55

Tag auch,

Frage: du hast den Magister... Darfst du damit unterrichten?

Bei uns schreien's nach neuen Lehrkräften (auch da ein Mangel); allerdings Sekundarschule und Gym... Damit hättest du auch gleich was gegen die ach so hoch galoppte Auslanderfahrung gemacht... Besser als H4 wär's allemal... :-/

Romanum
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Beitrag von Romanum » 05.09.2012, 13:05

Ergebnisse der Bewerbungen:

- Einfachste Museumsvolontariate in der hinterletzten bayrischen Provinz, Vollzeit für 1200 EUR brutto: 300 Bewerber, ohne Doktor keine Chance
- Stellen für den gehobenen Dienst, ausgeschrieben für Abiturienten: 200 Bewerber, die meisten mit abgeschlossenem Master + x Praktika in genau dem Bereich.
- Volle TEV-L 9 Stellen im Museum o.ä.: vierstellige Bewerberzahlen (!)
- einfache Bürojobs oder Praktika: direkte unbegründete Absagen
- einfache IT- oder Vertriebsjobs: "Sie haben Geschichte studiert? Ganz furchtbar!"

Wie sieht es denn mit privaten Unternehmen aus? Klar, dort sind die Stellen vielleicht noch rarer gesät, aber bieten vielleicht auch mehr das, was du kannst.

So arbeiten ja große Unternehmen ihre Tätigkeit zwischen 1933-45 auf und benötigen dafür Historiker. Oder es gibt generell Stellen in Unternehmensarchiven und -museen. Es gibt auch kleinere Unternehmen, die sich als Geschichts-Dienstleister verstehen: http://www.ifw-hamburg.de/seite_6.htm

ColinMacLaren
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Beitrag von ColinMacLaren » 06.09.2012, 20:30

Und im zweiten Schritt deine Bewerbungspräsentation optimieren lassen. Denn wenn bei 70 Bewerbungen nichts bei herumspringt, ist es ein sicheres Zeichen, dass die Präsentation noch nicht wirklich gut ist - ein Problem, dass ich gerade bei Akademikern immer wieder feststelle, die zwar über etliche Kompetenzen verfügen, sich nur einfach nicht selbstvermarkten können.
Ich habe die Unterlagen in drei Stufen (Zwangskurs der Arbeitsamtes, Career Service der Uni, Headhunterin) verbessert. Ich bezweifle mittlerweile, dass es daran liegt. Leider kann ich für meine dreijährige Tätigkeit kein Arbeitszeugnis vorweisen, da ich mich mit dem Ag wegen ausstehender Lohnzahlung im Rechtsstreit getrennt hatte. Das muss ich jetzt einklagen, das kann aber dauern.

In unternehmensarchiven finde ich immer nur Praktika. Wie ich bei der Dir verlinkten Stelle etwa von 300 EUR in Hamburg leben soll, wüßte ich nicht.

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Knightley
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Beitrag von Knightley » 06.09.2012, 23:17

Wenn du noch ein paar Anregungen für Berufsmöglichkeiten suchst, dann findest du hier ein paar Ideen:

http://www.career-service.uni-wuerzburg ... ft_LOW.pdf

http://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de ... 010_11.pdf

http://www.arbeitsagentur.de/Dienststel ... Info-5.pdf

http://www.bds-soz.de/Perspektive%20Quereinstieg.pdf

Es gibt auch Jobmessen für deine Fachrichtung. Dort kannst du Informationen sammeln und Kontakte knüpfen:

http://www.wila-arbeitsmarkt.de/files/b ... aftler.pdf

http://www.wila-arbeitsmarkt.de/files/b ... aftler.pdf

Rhodus
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Beitrag von Rhodus » 07.09.2012, 13:11

Hallo ColinMacLaren,

einmal abgesehen davon, dass Zwangskurse der Arbeitsagentur selten effektiv sind, würde mich schon einmal Deine Bewerbung interessieren. Du kannst sie mir ja einmal gerne direkt zumailen.

Unabhängig davon ist die erste Frage noch unbeantwortet.

Viele Grüße aus Duisburg

DanielP
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Beitrag von DanielP » 07.09.2012, 14:47

Hallo Collin, mir geht es da ganz ähnlich. Nur dass mein Studium jetzt schon 3 Jahre her ist und ich seitdem keine feste Stelle habe.

Eine Bewerbung für ein Volontariat am Museum kannst du eigentlich vergessen. Du kannst deine Chancen erhöhen, wenn du als Museumspädagoge Veranstaltungen auf Honorarbasis durchführst. So bist du in der Einrichtung bekannt und hast auch einschlägige Museumserfahrung. Allerdings habe ich auch schon die Erfahrung gemacht, dass das nicht reicht. Im finalen Bewerbungsverfahren hat die Stelle, mit der ich so doll gerechnet habe, jemand bekommen, der am MUSEALOG teilgenommen hat. Vielleicht wäre das ja etwas für dich.

@Rhodos: Darf ich Ihnen auch mal eine Bewerbung zukommen lassen?

bully
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Re: Arbeitsloser Geisteswissenschaftler - nur Absagen. Was n

Beitrag von bully » 07.09.2012, 15:14

Also, es ist immer wieder erstaunlich wie schnell sich Leute einschüchtern lassen, wenn sie nicht 1 Tag nach Studienende eine Arbeitsstelle gefunden haben!!!

Zu der Anzahl der Absagen ist als erstes einmal zu sagen, dass diese in der Natur der Sache liegen aufgrund der vielen FAKEStellenanzeigen!
Wo Stellenanzeigen geschaltet werden ohne Personalbedarf, bekommt man auch zwangsläufig eine Absage, wenn überhaupt!

Ansonsten sollen sich die beschriebenen BEtrügereien dadurch ihre Wirkung entfalten, dass sie negativ auf das Gehalt Einfluss nehmen sollen und tarifliche Vereinbarungen durch den BEwerber nicht gefordert werden!
Ich möchte daher behaupten, dass es kein Problem darstellen sollte, eine Arbeitsstelle in der Zeitarbeit oder als Praktikant im Niedriglohnbereich zu bekommen!Gegenüber einer Vollzeitstelle sind die Aufgaben natürlich gleich, man erhält jedoch nur einen Bruchteil des Gehaltes!

Ob man als Hochschulabsolvent seine Wissenskraft hierfür hergibt, beantwortet sich eigentlich von selbst!Boykott wäre die einzige Lösung!

Ansonsten sprechen auch angesehene Wirtschaftswissenschaftler davon, dass Hochschulabsolventen "entweder Hartz IV droht oder der Niedriglohnbereich!"

Ich kann also. alle Betroffenen dazu aufrufen, sich nicht durch einchüchtern und verwirren zu lassen, "wie man sich bewirbt" oder "wie man sich besser bewerben" kann!Absoluter Blödsinn ist das!! :wink:

Rhodus
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Beitrag von Rhodus » 07.09.2012, 16:37

Hallo DanielP,

aber gerne dürfen Sie mir Ihre Unterlagen einmal zumailen. Einfach den Button anklicken.

Ich freue mich auf Ihre Unterlagen.

Viele Grüße aus Duisburg

Rhodus
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Beitrag von Rhodus » 07.09.2012, 16:48

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, laterne hat sich einen neuen Nick zugelegt.

In jedem Fall danke ich bully für seinen kompetenten und weisen Beitrag, der allen Jobsuchenden eine große Hilfe sein wird. Der einzige Nachteil dieses Beitrages: wir haben leider noch nicht den 11 im 11ten. Ansonsten würde ich jetzt mit einem donnernden dreiofachen "Helau" schließen

ColinMacLaren
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Beitrag von ColinMacLaren » 08.09.2012, 12:27

Ah sehr gut, Musealog kannte ich noch nicht. Das Jobcenter wollte mich in Regialog stecken, das sagt mir aber eigentlich nicht zu, da buntes Marketing nicht unbedingt zu meinen Stärken zählt.

Die Frage ist, ob es sich lohnt, an solch einem Programm teilzunehmen. Bisschen BWL und Photoshop hab ich auch schon gemacht, InDesign und Illustrator kann ich mir auch selbst beibringen oder an der VHS einen Kurs machen.

Die Alternative wäre ein Master in Informatik für Geisteswissenschaftler (= Bachelor Angewandte Informatik + zwei, drei Master-Module), den kann man in Teilzeit machen und nebenher jobben. Ist vielleicht mittelfristig sinnvoller.

schattenmann
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Beitrag von schattenmann » 09.09.2012, 00:32

Bez. Kurse beim Arbeitsamt - ob die sich "lohnen" musst du für dich selber entscheiden; wenn du sie ablehnst und mit der gebrachten Begründung NICHT durchkommst, hagelt's Sanktionen... :?

(du darfst immer "nein" sagen; du musst nur mit den Konsequenzen leben können... Und immer dran denken: die vom AA glauben immer Recht zu haben und alles zu wissen... Also immer durch "hinweisende Fragen" auf deren gemachten Fehler zeigen, nie durch Wissen ;-)

@Rhodos

... es ist "laterne"... WIEDER den selben ersten Beitrag wie bei jedem seiner Nickname-Wechsel... Wort für Wort.

Der Typ könnte in der Politik Karriere machen; Beiträge mit Informationsgehalt = 0, stetige Wiederholung ohne auch nur einen Satz dabei zu verändern... Der geborene Polit-Reden-Schwinger...

ColinMacLaren
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Beitrag von ColinMacLaren » 09.09.2012, 12:35

Die gebrachte Begründung wird sein, dass laut der eigenen Statistik des Projekts zwei Jahre nach Abschluss 50% der Leute nicht aus eigener Kraft ihren Lebensunterhalt decken können. Das ist für eine 15.000 EUR teure Maßnahme bisschen mau. Für das Geld gibt's ja schon M.B.A.s

schattenmann
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Beitrag von schattenmann » 09.09.2012, 12:41

Mh. Interessanter Ansatz...
50%-Quote, 15'000€-Massnahme (ey schei** und ich musste wegen 500 Fränkingen (knapp 300€ damals) Kursen feilschen und Gesetze zitieren wie ein Anwalt)... Allein das ist ja schon ... ein Fall für die Aufsicht, wenn ihr mich fragt...

DanielP
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Beitrag von DanielP » 10.09.2012, 21:15

Hm, über ein Zweitstudium habe ich ja auch schon nachgedacht. Da sehe ich eher (für mich) das Problem, dass ich nicht wüsste, wie ich das bezahlen sollte. Wenn du bei dir noch Reserven siehst, dann kann das schon ein Ansatz sein. Bei meinen Beobachtungen des Arbeitsmarktes, ist man mit einem BWL-Studium für scheinbar alle Stellen geeignet.

ColinMacLaren
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Beitrag von ColinMacLaren » 27.09.2012, 22:22

- In Hagen den Studiengang nach Wahl heraussuchen.
- Ggf. fehlende Module im Akademiestudium nachholen.
- Dann als formaler Teilzeitstudent den Master machen.
- Wenn Du in der Zwischenzeit Arbeit findest oder das Jobcenter eine Maßnahme anordnet, kannst Du das Pensum runterdrehen und die nächsten Jahre nebenher fertig machen.

Das verhindert die Lücke im Lebenslauf und Du hast 0 Risiko. Die paar Studiengebühren in Hagen kann man mit einem 400 EUR Job abdecken.

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