Berufliche Neuorientierung nach freiberuflicher Tätigkeit

Wenn ihr Berufsanfänger oder Berufspraktiker seid, dann könnt ihr eure Bewerbungsbeispiele in dieser Rubrik zur Diskussion stellen und die Musterbewerbungen anderer Bewerber bewerten. Auch für Bewerbungen um eine Neben- oder Teilzeitbeschäftigung.
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bewerber100
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Berufliche Neuorientierung nach freiberuflicher Tätigkeit

Beitrag von bewerber100 » 21.02.2013, 00:27

Hallo,

ich bin 40 Jahre alt, weiblich, zwei Kinder und freiberufliche Kamerafrau.
Da meine Auftragslage konstant zurück gegangen ist und ich befürchte, das sich dies nicht mehr ändern wird, möchte ich die Reißleine ziehen und mich beruflich neu orientieren.

Mir schwebt eine Ausbildung als Tischlerin vor. Ich möchte mich gerne handwerklich betätigen und nach der langen Selbständigkeit einen strukturierten Arbeitsalltag haben. Außerdem sehne ich mich nach konstanten Kollegen.

Die Idee eine Tischlerausbildung zu machen habe ich bereits seit zwanzig Jahren. Direkt nach dem Abi habe ich ein Praktikum gemacht. Der Betrieb war jedoch so frauenfeindlich, dass ich mir eine 3-jährige Lehre nicht vorstellen konnte.
Durch Praktika im Filmbereich ging der Weg dann irgendwie leichter für mich weiter.
Nun bin ich um einiges reifer und dieser Wunsch eine Tischlerausbildung zu machen hat mich all die Jahre nicht losgelassen. Nun möchte ich mich in einem Theater bewerben. Ich hoffe, dort weht ein anderer Wind. Entweder jetzt oder nie.

Hier mein Anschreiben. Habe ich damit eine Chance?


Sehr geehrter Herr xxx

was für ein Glück, dass gerade Ihr Haus einen Tischlerlehrling sucht!
Meine langjährigen Erfahrungen aus dem Filmbereich und mein Arbeiten in einem gestaltenden Team, würden sehr gut in den Arbeitsalltag eines Theaters passen.
Eine praktische Ausbildung als Tischlerin in Zusammenarbeit mit Bühnenbildnern, Theatermalern und den vielen anderen Abteilungen eines Theaters wäre perfekt für mich.

Ich möchte nun endlich das machen, was ich schon immer machen wollte und vom Film ins Handwerk wechseln. Tischlerin war schon immer mein eigentlicher Berufswunsch.

Ich bin freiberufliche Kamerafrau und Dokumentarfilmerin. Meine Stärken liegen im visuellen Bereich und der Bereitschaft ausdauernd und konzentriert zu arbeiten.
Ich habe große Freude daran, einen Anteil an einem Herstellungsprozess zu haben. Sehen zu können, was man geleistet hat, ist mir besonders wichtig. Das ist im Film nicht anders als beim Arbeiten mit Holz.
In der engen Zusammenarbeit mit Regisseuren, habe ich gelernt meine Ideen selbstbewusst einzubringen und auch konstruktiv gemeinschaftlich zu arbeiten.

Bei allem was ich tue bin ich sehr verantwortungsbewusst und zuverlässig mit dem Blick auf das große Ganze. Termingerechtes Arbeiten ist mir als Kamerafrau in Fleisch und Blut.
Handwerklich bin ich sehr geschickt und technischen Neuerungen gegenüber berufsbedingt sehr aufgeschlossen.

Gerne würde ich in einem persönlichen Gespräch mehr von mir erzählen und mich über eine Einladung von Ihnen sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen

xxx

Rhodus
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Beitrag von Rhodus » 21.02.2013, 07:27

Hallo bewerber100,

mit dem Anschreiben dürften Deine Chancen eher gering ausfallen. Liest man Deine einleitenden Worte kann kann man Deinen Traum regelrecht spüren. Dieses Gefühl kommt beim Lesen des Anschreibens dann aber leider überhaupt nicht mehr auf.

Da Du ja nun nicht unbedingt die optimalste Ausgangslage für eine Ausbildung hast, Stichwort: Alter, musst Du aber gerade über die Motivationsschiene punkten. Denn nur, wenn ein Personalverantwortlicher das Gefühl bekommt, Du willst unbedingt dieses Ausbildung machen, Du "bist heiss wie Frittenfett", wird er bereit sein, Dir eine Chance zu geben.

Viele Grüße aus Duisburg

bewerber100
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Beitrag von bewerber100 » 21.02.2013, 10:51

Hallo Andreas,

danke für Dein Feedback.
Ich bin keine Freundin des Zu-dick-auftragens.
Meinst Du wirklich, ich muss das durch das ganze Anschreiben durchziehen?

Gehört zu einer Neuorientierung auch eine Erklärung, warum man den alten Job verlassen möchte?

Rhodus
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Beitrag von Rhodus » 21.02.2013, 16:43

Hallo bewerber100,

die Motivation ist aus nachvollziehbaren Gründen das entscheidende Kriterum. Denn je motivierter ein Bewerber, um so größer die Wahrscheinlichkeit, dass er die Ausbildung erfolgreich durchziehen und nicht hinschmeissen wird, wenn es mal nicht so gut läuft.

Im Übrigen kann man nur dann zu dick auftragen, wenn es nicht der Tealität entspricht. Wenn man einen Traum hat und das so auch mitteilt, trägt man nicht zu dick auf.

Im Übrigen hast Du es ja selbst in der Hand, die passende Motivation zu finden.
Zwischen "es ist mein großer Traum" und "mit großer Freude" liegt eine Bandbreite von Formulierungsmöglichkeiten. Wichtig ist es, mehr auszudrücken, als dass man sich für den Beruf interessiert; dabei aber solche Formulierungen zu wählen, die zu einem passen.

Viele Grüße aus Duisburg

Romanum
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Beitrag von Romanum » 21.02.2013, 20:49

Am Anfang wiederholt sich ja deine Aussage öfters, dass du schon immer Tischlerin sein wolltest. Die Verbindung zwischen Film und Tischlerei finde ich gut. Aber es kommt das Handwerkliche zu kurz. Das müsstest du ausbauen:
Handwerklich bin ich sehr geschickt und technischen Neuerungen gegenüber berufsbedingt sehr aufgeschlossen.

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FRAGEN
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Beitrag von FRAGEN » 23.02.2013, 11:27

Im Endeffekt läuft es auf die Frage hinaus: "Warum plötzlich Holz statt Zelluloid?"... ;-)

Ansonsten finde ich persönlich die Bewerbung hochinteressant. Für meine Begriffe ist es sogar eine der interessantesten, die ich hier überhaupt jemals gelesen habe... gerade aufgrund der inhaltlichen Parallelen zwischen der visuellen Ausstattung auf der Bühne und dem Einfangen von deren Wirkung mit der Kamera.

In diesem Fall gefällt mir auch die relative Sachlichkeit sehr gut - wie eigentlich immer, wenn jemand wirklich etwas zu sagen hat! Das Schreien von "Begeisterung" ist m. E. eher eine Notlösung, wenn man ansonsten nichts in der Hand hat. Insofern wirkt auf mich eigentlich eher der - im Vergleich zum Rest geradezu naiv klingende - Einleitungssatz wie ein Fremdkörper... ;-)

Abgesehen vom Ton setzt er für mich auch inhaltlich den falschen Akzent: Du willst ja nicht irgendwie irgendwas "tischlern", sondern Deine bisherige Tätigkeit mit anderen Mitteln bzw. aus anderer Perspektive fortsetzen. Es ist ja kein Zufall, dass Du Dich am Theater bewirbst... anstatt auf irgendwelchen Grossbaustellen Hunderte von Fertigtüren mit Montageschaum einzusetzen o. ä.

Von daher bist Du für meine Begriffe auch nicht "alt", sondern mit einem ÄUSSERST wertvollen Vorwissen ausgestattet. Die (durchaus auch altersbedingte) Professionalität im Ganzen ist m. E. auch ein ganz wichtiger Punkt, den Du ja auch bereits nennst. Für mich bist Du wirklich ganz nah dran... abgesehen von der Frage ganz oben... die allerdings keine Kleinigkeit ist.

Was eine Kleinigkeit ist: Die vielen "Ich"-Sätze hintereinander. Das kannst Du besser... ;-)

bewerber100
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Beitrag von bewerber100 » 23.02.2013, 17:52

:D Danke für das Kompliment.
Ich hoffe sehr darauf, dass diese Parallele erkannt wird.

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