Qualifiziertes Arbeitszeugnis: Aufbau und Gliederung

Fragen zu Zeugnissen und Nachweisen: Müssen alle bisherigen Zeugnisse mitgeschickt werden? Welche Nachweise sind wichtig? Wie müssen die Zeugnisse geordnet werden?
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Globetrotter
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Beitrag von Globetrotter » 03.12.2009, 01:32

Auffällig ist bei diesem Zeugnis ist das es eigentlich keine Struktur aufweist, wie es üblicherweise bei einem Qualifizierten Arbeitszeugnis sein sollte, macht somit einen unprofessionellen Eindruck. Aber gut, das ist in diesem Bereich eventuell nichts ungewöhnliches.

Ein (professionelles) Qualifiziertes Arbeitszeugnis gliedert sich wie folgt:

- Überschrift,
Arbeitszeugnis oder Zeugnis. Angaben zum Wohnsitz haben in einem Zeugnis nichts verloren, da mit dem betrieblichen Ausscheiden i.d.R. auch ein Wohnsitzwechsel verbunden ist.

- Einleitung,
enthält Name des Mitarbeiters (Geburtsdatum und Ort, dürfen eigentlich nur mit dem Einverständnis der betreffenden Person aufgeführt werden) sowie Art und Dauer des Beschäftigungsverhältnisses und der korrekten und vollständigen Berufsbezeichnung. Allerdings kann in der Einleitung bereits eine Erste indirekte Bewertung einfließen indem man beispielsweise die Passiv-Form, "Herr oder Frau wurde als ... beschäftigt", anstatt der Aktiv-Form "war tätig als... "verwendet wird.

- Tätigkeitsbeschreibung,
diese muss komplett und korrekt sein. Besonders wichtig bei Fachkräften, wenn hier beispielsweise nur unwichtige oder als Basiswissen/können Tätigkeiten aufgezählt werden, so ist dies als Hinweis darauf zu verstehen das die Betreffende Person nicht mit verantwortungsvollen oder wichtigen Aufgaben betraut werden konnte.

- Leistungsbeurteilung,
besteht aus der Gesamtleistungsbeurteilung und der zusammenfassenden Leistungsbeurteilung. Hier sollten sich Angaben zu den folgenden Punkten finden, Fachwissen/können, Problemlösungsfähigkeiten/Auffassungsgabe, Leistungsbereitschaft und Eigeninitiative, Belastbarkeit, Denk- und Urteilsvermögen, und Zuverlässigkeit, sowie Aussagen zu überdurchschnittliche Kenntnisse und Fähigkeiten.

Bei der zusammenfassenden Leistungsbeurteilung haben sich die folgenden Abstufungen etabliert.

- zur vollen Zufriedenheit = durchschnittlich
- stets zur vollen Zufriedenheit = gut
- stets zur vollsten Zufriedenheit = sehr gut

Diese sind allerdings auch im Gesamtkontext mit der Tätigkeitsbeschreibung zu sehen, werden (wie bereits schon erwähnt) nur unwichtige Tätigkeiten aufgezählt ist eine gute oder sehr gute Bewertung entsprechend zu relativieren.

- persönliche Führung,
am Wichtigsten ist hier die korrekte Aufzählung der Firmenhierarchie, sprich Vorgesetzte zuerst, dann Kollegen, und danach die Kunden. Das ganze kann durch zusätzliche Floskeln wie kollegiales und freundliches Verhalten aufgewertet werden.

- Schlussformulierung,
kommt eine wesentlich Rolle bei der Gesamtbeurteilung eines Zeugnisses bei. Da hier eine gute Beurteilung nochmals bestätig werden kann, aber auch in Frage gestellt oder sogar ins Gegenteil verkehrt werden kann. Dies geschieht durch das so genannte beredete Schweigen, da ein Zeugnis ja keine offensichtlich negative oder nachteilige Formulierungen beinhalten darf, fehlt bei einem vermeidlich guten Mitarbeiter beispielsweise die Bedauerns- oder Dankesformel so stellt dies eine bewusste Abwertung des Zeugnisses da.

Die Schlussformulierung gliedert sich wie folgt:

- von wessen Seite wurde das Arbeitsverhältnis beendet, und aus welchem Grund (die Benennung der Gründe ist allerdings optional)

- Bedauern über das Ausscheiden des Mitarbeiters und in diesem Zusammenhang auch der Dank für die geleistete Arbeit, bzw. guten Leistungen.

- sowie berufliche und private Glückwünsche. Auch sollten Floskeln wie "weiterhin viel Erfolg und persönlich alles Gute" nicht fehlen, da ein Fehlen als beruflicher Misserfolg interpretiert werden kann.

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Wie bereits schon gesagt, eine Struktur lässt sich für mich in diesem Zeugnis nicht erkennen. Auffällig ist, dass das Zeugnis anscheinend keine Einleitung besitzt, sowie keine Beurteilung der Leistung und der persönlichen Führung enthält. In der Zeugnissprache spricht man in diesem Zusammenhang vom so genannten "beredetem Schwiegen" womit eine mangelhafte Leistung zum "Ausdruck" gebracht wird.

Ein Zeugnis muss nach dem Grundsatz des Wohlwollens verfasst werden. Das heißt, es darf keine offensichtlichen negativen oder nachteilige Formulierungen enthalten, die das weitere berufliche Vorankommen der betreffenden Person unnötig erschweren! (siehe "beredetes Schweigen" wird dem erfahrenen Zeugnisleser sofort auffallen, nicht aber den Laien und somit ist der AG fein raus)

Ohne jetzt hier weiter ins Detail zu gehen, die Sätze/Formulierungen sind recht knapp und kühl gehalten, was generell keinen guten Eindruck macht. Auch ist am Anfang von Dir (der Mitarbeiterin) erstmal nicht die Rede, stattdessen wird Werbung in "Eigener Sache" für den Hort und das Team gemacht, so was hat in einem Zeugnis eigentlich nichts verloren, schließlich geht es um die Leistung des Mitarbeiters bzw. Mitarbeiterin. Die Formulierungen vermittelten den Eindruck das Du ein eher introvertierter Mensch bist, der so seine Schwierigkeiten hat sich in Gruppen oder Teams einzufügen, und nur das Nötiges getan hat.

Wie folgendes Beispiel zeigt:
Frau XY fand Kontakt zum Gesamtteam. (= Integrationsproblem?) Sie unterstützte die Mitarbeiterinnen (= Mangel an Eigeninitiative, und tat nur das Nötigste). An Teamsitzungen, Elternabenden und Festen der Kindertagesstätte und der Gemeinde nahm Frau XY teil.(Klingt nicht wirklich nach Begeisterung. Das sind eigentlich Selbstverständlichkeiten und sollten bei einer Fachkraft keiner besonderen Betonung bedürfen, ansonsten vermittelt das Ganze einen eher abwertenden Charakter)
Folgende Formulierung beispielsweise, würde einen wesentlich positiveren Eindruck vermitteln und somit auch eine bessere Bewertung darstellen:
Frau x integrierte sich ausgezeichnet in die Gruppe, zeigte stets Eigeninitiative und überzeugte durch ihre große Einsatzbereitschaft. Bei Veranstaltungen brachte sie sich stets aktiv ein und war mit großem Engagement bei der Sache.
Der Ton macht die Musik! Das gilt besonders beim Arbeitszeugnis! Dieser muss sich dann aber auch über das Gesamte Zeugnis fortsetzen.

Noch ein Wort zur Schlussformulierung. Dein Ausscheiden wird nicht bedauert, aber gut das war ja nicht anderes zu erwarten, ist aber trotzdem eine weitere Abwertung.
Wir danken Frau XY für Ihre Mitarbeit und wünschen Ihr für Ihre weitere berufliche Zukunft alles Gute und Gottes Segen. War das eine kirchliche Einrichtung? Da so eine Formulierung absolut unüblich ist, und ansonsten zu entfernen ist, da sie nicht mit dem Grundsatz des Wohlwollens zu vereinbaren ist! Das ist Sarkasmus pur!
FAZIT: Du liegst da mit deiner persönlichen Einschätzung schon ganz gut, ein gutes Zeugnis schaut sicherlich anderes aus. Es bleibt einem nicht verborgen das es in diesem Fall offensichtlich Differenzen gegeben hat. Mit so einem Zeugnis wird es wahrscheinlich keine leichte Aufgabe sein eine neue Stelle zu finden.

Aus meiner Sicht lässt sich dieses Zeugnis nicht mit dem Grundsatz des Wohlwollens vereinbaren, und Du solltest dieses Zeugnis zurückweisen und um Berichtigung ersuchen.

Generell ist es so, wenn man der Meinung ist ein ungerechtfertigt schlechtes Zeugnis erhalten zu haben, oder das Zeugnis entspricht nicht den Tatsachen, dann sollte man das Zeugnis zurückweisen und um Korrektur/Berichtigung ersuchen. Das kann man mündlich oder schriftlich machen. Wenn das Beschäftigungsverhältnis ohnehin nicht mehr besteht, und wenn man sich sowieso nicht im Guten getrennt hat, dann ist der schriftlichen Form der Vorzug zu geben. Am Besten man fügt dem Schreiben ein Formulierungsvorschlag bei. Wenn daraufhin keine Reaktion vom ehemaligen AG kommt, ein zweites Schreiben absenden, diesmal eine Frist setzen, mit dem Vermerk das wenn man bis Ablauf der Frist keine Antwort erhalten haben sollte, man sich weitere Schritte vorbehalten wird.

Falls es nicht möglich sein sollte auf diesen Weg zu einer Einigung zu kommen, sollte man sich nicht Scheuen den Rat eines Fachmanns (Anwalt für Arbeitsrecht, mit Schwerpunkt od. Zusatzqualifikation für Zeugnisrecht) einzuholen und gegebenenfalls die Angelegenheit über diesen klären lassen, schließlich geht es hier um die eigene berufliche Zukunft, i.d.R. ist die Sache dann innerhalb kurzer Zeit erledigt.

Vor allem wenn es um Mobbing geht, bin ich der Meinung sollte man sich (so gut es geht) zur Wehr setzten und sich nicht immer alles gefallen lassen! In der Regel bleibt dem Opfer letzten Endes oftmals nichts anderes übrig als die Stelle zu kündigen, ist aber Schlussendlich wohl die einzig richtige Entscheidung. In einem solchen Fall besteht allerdings die Möglichkeit den ehemaligen AG auf Schadensersatz zu verklagen, so was setzt allerdings einen guten Fachanwalt voraus! Und eine Berufs-Rechtsschutzversicherung, eventuell mal drüber nachdenken!

Alles Gute und viel Erfolg!

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