Schrecklicher Lebenslauf. Schiksalsschläge. Chancenlos?

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zy01
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Schrecklicher Lebenslauf. Schiksalsschläge. Chancenlos?

Beitrag von zy01 » 24.01.2016, 20:18

Hallo liebe Community,

Ich hoffe es gibt jemanden der Zeit und Geduld für eine lange Geschichte aufbringen kann. Ich bin am Ende und weiß nicht weiter.

Ich wurde als Kind einer türkischen, streng muslimischen Familie in Deutschland geboren. Meine Eltern haben sehr starre Wertvorstellungen, die sie versucht haben an ihre Kinder weiter zu geben. Sie waren die meiste Zeit sehr liebevolle und engagierte Eltern. Normverletzungen wurden jedoch in keinster Weise toleriert und mit Gewalt unterdrückt.
In der Schule hatte ich fachlich nie Probleme und machte mein Abitur mit 19 Jahren als Jahrgangszweite. Für mich war immer schon klar dass Mathe das Fach war, was mir am meisten Spaß machte und so ging es geradewegs in ein Wirtschaftsmathe Studium.

Studium Nr 1
Im Studium wurde ich als einzige Kopftuchträgerin gemobbt, konnte keine Abgabepartner finden und auch Tutoren waren mir gegenüber sehr voreingenommen. Ich wurde Putze genannt, im Hörsaal bildete sich immer ein Kreis leerer Plätze um mich. Diesem Druck war ich nicht gewachsen. Fachlich wurde ich abgehängt und schließlich brach ich das Studium ab. Rückblickend wäre es besser gewesen, nach einer besseren Lösung zu suchen.

Studium Nr 2
Im nächsten Jahr trat ich ein Studium in einem sehr spezialisierten wissenschaftlichen Fach an. Der Studiengang war klein und familiär, fachlich war ich den Anforderungen gewachsen und sozial fand ich guten Anschluss. Dieses mal ging es in der Familie bergab:
Der Generationskonflikt zwischen meinen Eltern und uns (Schwestern) spitze sich zu. Obwohl sie uns in einem streng islamischen System großgezogen hatten, wollten wir nicht so leben. Selbstmordversuche meines Vaters, Morddrohungen körperliche Auseinandersetzungen, Hausarrest.. Es war keine schöne Zeit.

Psychatrie Flucht, Frauenhaus
Ich erkrankte an Magersucht, wurde depressiv und ängstlich. Am Ende landete ich als Notfall in verschiedenen Psychiatrien. Man konnte mir nicht helfen und begegnete meinem Fall mit Überforderung. Nach der Entlassung war die Situation zu Hause nicht besser.
Ich floh mit meiner Schwester in mehreren Etappen in ein Frauenhaus in einer anderen Stadt. Ich wollte vor allem ihr ein neues Leben ermöglichen. Diese Übergangsphase dauerte ein Jahr. Die Zeit nutzten wir für Therapien, Wohnungssuche, eine mühsame und langwierige Einrichtung der Wohnung und gelegentliche Nebenjobs.

Jetziges Studium und Leben
Ich beschloss, unter den neuen Umständen dem Mathestudium noch eine Chance zu geben, zumal mein zweiter Studiengang kaum irgendwo in Deutschland angeboten wurde. Das erste Studienjahr verlief sehr erfolgreich.
Eine langsame Versöhnung mit meinen Eltern gab mir neue Kraft und ich hatte die Hoffnung meinen Weg gefunden zu haben. Die Beziehung war jedoch immer noch sehr schwierig und immer wiederkehrende heftige Streitereien hörten nicht auf. Vor allem aber quälte mich ein schlechtes Gewissen. Die Magersucht und die Ängste kamen zurück.
Derzeit befinde ich mich im 5. Fachsemester und fühle mich einfach nur überfordert. Dazu kommen Zweifel und Zukunftsängste (Mit dem Abschluss und Lebenslauf bin ich auch nichts wert, ich habe doch schon alles kaputt gemacht, ich sollte einfach aufgeben u.s.w.). Ich schaffe es einfach nicht die geforderte geistige Leistung konstant zu erbringen.

Krebsdiagnose meines Vaters
Unerwatet wurde nun vor einem Monat bei meinem Vater Krebs diagnostiziert. Er wird bald operiert, seine Lebenserwartung wird als sehr gering eingeschätzt.
Ich sollte eigentlich für meine Prüfungen lernen um überhaupt noch etwas zu schaffen in diesem Semester. Ich kann es nicht, meine Gedanken kreisen sich nur noch um meinen Vater, um meine Schuldgefühle und um Zukunftsängste.
Ich kann mir selber gegenüber nicht rechtfertigen nicht für meinen Vater da zu sein, während er leidet und um sein Leben kämpft.

Ich überlege ernsthaft zurück in meine Heimatstadt zu ziehen um meine Eltern in dieser schweren Zeit zu unterstützen. Das Studium fortzusetzen erscheint mir sinnlos. Ich glaube einfach nicht mehr daran, dass ich jemals zu Ende studieren und/oder mit dem Abschluss arbeiten können werde.

Ich wünschte ich könnte etwas machen, was mich nicht komplett überfordert. Ich wünschte ich könnte eine Chance bekommen eine Ausbildung zu beginnen. Aber ich glaube nicht daran. Außer einem sehr guten Abitur und garnicht so wenigen Scheinen an der Uni kann ich nur eine kaputte Psyche und einen löchrigen Lebenslauf vorweisen. Wieso sollte irgendjemand Ressourcen auf mich verschwenden?
Wie soll ich überhaupt eine Bewerbung schreiben mit so einem Lebenslauf? Ich kann die Lücken weder verschweigen, noch kann ich sie erklären... Wie soll ich mir jemals eine neue Chance erarbeiten?

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TheGuide
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Beitrag von TheGuide » 24.01.2016, 20:24

Wenn deine Geschichte stimmt*, dann besteht die Möglichkeit, zur Pflege der Eltern auch Urlaubssemester zu nehmen. Wende dich evtl. zur Beratung an den AStA deiner Universität und auf jeden Fall an die Verwaltung, dort das Studierendenbüro. Das sollte sich problemlos in die Wege leiten lassen, so dass du dein Studium ohne Nachteile beenden kannst.

Es ist im Übrigen völlig in Ordnung, sich auch mal um sich selbst zu kümmern. Du kannst die Probleme deiner Eltern und deiner Schwestern nur dann zu lösen helfen, wenn du selber ganz gesund bist. Du musst nicht immer für alle da sein und du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben wenn du es nicht schaffst, für alle da zu sein. Betreibe da auch Selbstschutz.

*deine Gschichte ist sehr vollgepackt und teilweise etwas klischeehaft; wenn ich sie aber nicht für tendentiell wahr hielte, würde ich dir gar nicht geantwortet habe. Also nimm mir den Restzweifel nicht übel.

zy01
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Beitrag von zy01 » 24.01.2016, 20:46

Vielen Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast, dir alles durchzulesen und zu antworten.
Ich glaube ein Urlaubssemester würde das Problem im Studium nur verschieben.

(Es ist nicht das erste Mal dass man mich als unglaubwürdig empfindet und es ist im Vergleich sehr höflich formuliert.
Das Thema war bei meiner letzten Therapie auch eine der Haupthürden. Es wäre zu viel auf einmal, zu sachlich vorgetragen, zu selbstmitleidig. Damit muss ich wohl leben.)

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FRAGEN
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Beitrag von FRAGEN » 24.01.2016, 22:44

Mein erster Gedanke war ebenfalls "Urlaubssemester", zy01... und nach dem, was Du bislang erzählt hast, müsste das m. E. deutlich mehr als eine Problemverschiebung sein. Grundsätzlich bist Du ja zu dem Studium in der Lage, wenn ich das richtig verstanden habe... und Dein derzeitiger Rückfall hängt doch in erster Linie mit den Familienproblemen zusammen, oder?

Wenn dem so ist, müsste sich ein großer Teil der Schwierigkeiten lösen, wenn Du Dich jetzt in den nächsten 1-2 Semestern als gute Tochter zeigst und Deinen Vater auf seinem letzten Weg begleitest. Du hast geschrieben, dass er ein sehr gläubiger Mensch ist. In diesem Falle müsste es in dieser Situation eigentlich auch ihm ein grosses Anliegen sein, sich noch mit seiner Tochter zu versöhnen. Danach wärst Du frei - sowohl von dem familiären Druck als auch von dem schlechten Gewissen, was Du momentan hast.

Das Studium würde dann halt noch etwas länger dauern... was eigentlich keinen grossen Unterschied mehr macht. Du würdest damit aber erstens bei Deinem Hauptinteresse (?) und zweitens sauber in Deiner Lebenslauf-Spur bleiben... und das Thema "Bewerbung" wäre noch lange hin. Und wenn es dann so weit wäre, hättest Du im Grunde nicht mehr als eine überdurchschnittliche Studiendauer zu erklären. So selten ist das nicht... und Mathematik ist m. E. auch kein Fach, wo irgendwer besonders schnelle Studenten erwartet... bzw. die Studenten nach ihrem Studientempo bewertet. Auch das ist ein Grund, aus dem Dir gerade dieses Studium entgegenkommen sollte.

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TheGuide
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Beitrag von TheGuide » 24.01.2016, 23:16

Und Pflege Angehöriger kann man auch in den LL übernehmen.

Romanum
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Beitrag von Romanum » 25.01.2016, 17:39

Selbstverständlich bist du nicht chancenlos. Wenn ich das richtig verstehe, hast du dich auch noch gar nicht beworben. Insofern sehe ich jetzt auch nicht den Sinn darin, Vermutungen über mögliche Chancen anzustellen. Einfach machen, das bringt dich weiter!

katerfreitag
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Beitrag von katerfreitag » 25.01.2016, 20:31

Ich sehe das so wie Roman um: Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Nimm Dir das Frei semester oder die zwei, das wird Dir auch für Dein Seelenleben gut tun. Im LL lässt sich das später logisch nachvollziehbar aufbereiten. Und Deine angeknackste Psyche ist in einer zukünftigen Bewerbung eh kein Thema. Wenn Du soweit bist, Dich zu bewerben, dann schaust Du hier wieder vorbei. Zu

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Beitrag von zy01 » 09.02.2016, 18:13

Vielen Dank für die bisherigen Antworten.

Mit der Bewältigung ursprünglichen Problem bin ich noch nicht viel weiter gekommen. Derzeit stellt sich mir aber eine Frage zu einem kleineren Teilproblem:

Durch die Aufenthalte in Frauenhäusern und den Umzug entsteht eine Lücke von einem Jahr in meinem Lebenslauf. Die wenigen Nebenjobs und der unbezahlte Nachhilfeunterricht, den ich erteilte füllen diese Lücke nicht annähernd.
Frage: Wie benennt man diese Übergangsphase? Ich bezweifle das "Gewaltbewältigung und Selbstfindung" oder "familiäre Probleme" gut ankommen.

Romanum
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Beitrag von Romanum » 09.02.2016, 20:34

Für was willst du dich jetzt konkret bewerben?

katerfreitag
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Beitrag von katerfreitag » 09.02.2016, 21:17

TheGuide hat geschrieben:Und Pflege Angehöriger kann man auch in den LL übernehmen.
Mach das doch so - dann füllst Du diese Lücke eben auch mit „Pflege“. Ist kaum zu kontrollieren, und nur die Allerwenigsten werden nochmal gezielt danach fragen, allein schon aus Pietät. Damit umgehst Du auch taktisch geschickt die vermeintliche Opferrolle und die Mitleidskiste durch die Aufenthalte im Frauenhaus.

Das wird schon.

zy01
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Beitrag von zy01 » 09.02.2016, 21:23

Tut mir leid, ich dachte außer bei Aushilfsjob wäre das bei allen Stellen ähnlich - weshalb ich nichts konkretes dazu gesagt habe.

Ich werde mich kurzfristig auf Restausbildungsplätze bewerben, da ich mir nicht vorstellen kann wie bisher mit dem Studium weiter zu machen, obwohl ich einfach nicht in der psychischen Verfassung dazu bin.

Meine erste Bewerbung geht an die Deutsche Bahn. Diese sucht aktuell noch nach Azubis für den Bereich IT-Systemelektronik. Meine Berührungen mit dem IT Bereich beschränken sich bisher auf Grundlagen aus meinem Nebenfach.

Edit: Lügen wollte ich eigentlich nicht. Ich bin eine sehr schlechte Lügnerin und außerdem sind mein Onkel und mein Vater im selben Betrieb tätig, wobei diese Punkte nicht meine Hauptbedenken sind.

katerfreitag
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Beitrag von katerfreitag » 09.02.2016, 21:42

Dann vielleicht „Orientierungsphase“?

Wobei Du, wenn Du so schonungslos ehrlich sein willst, Dir schon darüber bewusst sein musst, dass Dein Lebensweg durch die verschiedenen Brüche abschreckend auf die Personaler wirken kann.

Da wärst Du vielleicht eher im sozialen Bereich erfolgreich. Aber das ist jetzt reine Spekulation meinerseits. Im Finanz- oder auch im technischen Sektor ist das Verständnis für - ich sag jetzt mal - instabile Verhältnisse nicht sonderlich ausgeprägt.

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Beitrag von zy01 » 09.02.2016, 21:54

Ich weiß natürlich, dass ich es sehr schwer haben werde eine Ausbildung zu bekommen. Glaube das sieht man schon an meinem Eingangspost und dem Titel :wink:

Ich bin für soziale Berufe einfach psychisch nicht geeignet. Ich weiß, dass ich es quasi schon lassen kann mich zu bewerben bei meinem Lebenslauf. Ich würde nur einfach gerne einen Weg im Leben finden und mich nicht komplett aufgeben.
Der Gedanke, niemals etwas zu finden macht mich lebensmüde. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass ich glücklicher werde mit einer Lüge.

Im Grunde sehe ich es ja ein. Ich darf auf nichts mehr hoffen. Ich weiß nicht, wieso ich es überhaupt versuche.

katerfreitag
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Beitrag von katerfreitag » 10.02.2016, 17:32

Nicht aufgeben. Ich kann Dich gut verstehen, auch Deine moralischen Bedenken. Großes ABER: Selbstmord ist keine Lösung. Mal davon abgesehen, dass Suizid weder zur guten, gehorsamen Tochter, noch zur hingebungsvollen Muslima passt.

Hast Du aktuell einen Therapieplatz? Oder bist Du in einer Selbsthilfegruppe? Ein soziales Netz ist viel wert.

An Deiner Stelle wurde ich versuchen, eine Baustelle nach der anderen ab zu arbeiten. Stabilität herstellen. Und nicht mit der Suche nach einem Ausbildungsplatz noch eine Frustquelle aufmachen.

Just my five cents. Ich denk an Dich.

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FRAGEN
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Beitrag von FRAGEN » 10.02.2016, 20:48

Um einmal ganz nüchtern auf die zuletzt diskutierte Frage zurück zu kommen: Ich sehe nicht, dass diese eine Lücke im Gesamtkontext ein grösseres Problem wäre... und hätte ebenfalls keine Lust, die Unwahrheit zu sagen. Abgesehen von dem moralischen Problem sehe ich auch nicht, was damit zu gewinnen wäre. Selbst wenn das etwas "Tolles" stände, wäre dieses Tolle nüchtern betrachtet auch nur der vierte anstelle des dritten Abbruchs. Von dieser Seite aus betrachtet, klingt "Findungsphase" eigentlich schon wieder ziemlich positiv - vor allem, weil diese ja an das derzeit noch laufende und beendbare Mathematikstudium anschliesst!

Das wäre nach letztem Stand der Dinge doch die Top-Variante gewesen, sofern sich das mit Deinen familiären Verpflichtungen in Einklang bringen lässt, oder? Ich weiss gar nicht, wo jetzt plötzlich diese Varianten mit den übriggebliebeneen Ausbildungsplätzen herkommen...?!?

Romanum
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Beitrag von Romanum » 15.02.2016, 13:54

zy01 hat geschrieben:Ich werde mich kurzfristig auf Restausbildungsplätze bewerben, da ich mir nicht vorstellen kann wie bisher mit dem Studium weiter zu machen, obwohl ich einfach nicht in der psychischen Verfassung dazu bin.


Bezieht sich das jetzt auf die Ausbildungsplätze oder das Studium?

Restausbildungsplätze :?: Ich denke, es ist nicht sinnvoll, sich von einem ins nächste Abenteuer zu stürzen. Du solltest erst mal deinen Interessen nachspüren, Berufstests machen und eine Berufsberatung bei der Arbeitsagentur oder sonstwo in Anspruch nehmen. Denn so lange du nicht weißt, wo du hin willst, hast du auch keinen sicheren Startpunkt. Wenn du eine Auswahl an geeigneten Ausbildungsberufen gefunden hast, dann bewirbt es sich auch mit einem ganz anderen Selbstverständnis.




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